Die Vertreibung bzw. das fast völlige Verschwinden der seit dem Mittelalter ansässigen deutschen Bevölkerung aus Böhmen, Mähren und Österr. Schlesien war kein singuläres Ereignis, sondern eine Kette freiwilliger und unfreiwilliger Abwanderungen bzw. Vertreibungen.

Hier eine Übersicht, wobei ich die ältere Geschichte (Hussitenkriege, 30jähriger Krieg usw.) weglasse und in der Mitte des 19. Jht. beginne.
Davor waren die sprachlichen Verhältnisse in den böhmischen Ländern ca. 170 Jahre lang (ab etwa 1680) sehr stabil gewesen.
Der Österr. Erbfolgekrieg, die drei schlesischen Kriege und die Franzosenkriege haben zwar große Verwüstungen angerichtet, aber eben von außen (Bayern, Sachsen, Preußen, Franzosen usw.) und bei Tschechen und Deutschböhmen, Deutschmährern, Deutschschlesiern und Polnisch-Schlesiern gleichermaßen.

1. Arbeitsmigration ab 1848 ff
1848 entstand durch die Bauernbefreiung eine völlig neue Situation.
Die Erbuntertänigkeit des Großteils der Landbevölkerung fiel weg, das bedeutete auch freie Abwanderungsmöglichkeiten, also ohne Genehmigung des ehemaligen Grundherrn und ohne "Abschreibgeld" (= Gebühr) dafür.
Daraufhin haben sich recht rasch hunderttausend, über die Jahrzehnte gerechnet sogar Millionen von Menschen in Bewegung gesetzt, sind aus der Heimat ausgewandert.
Die Motive waren die Suche nach einem besseren Leben, Arbeitsmigration - wie es sie ja auch heute gibt.

Wer ist damals ausgewandert?
Die Bauern und die Hoferben sicher nicht, die hatten ja einen Grund zu bleiben. Ähnlich ware es bei den Handwerkern.
Aber es kann eben immer nur ein Kind den Hof bzw. den Betrieb erben.
Die anderen Kinder aber, die vor 1848 meist in der selben Grundherrschaft ein Auskommen als Dienstboten suchen mußten, die konnten nun ganz legal hingehen, wohin sie wollten. Und sie gingen nicht mehr "in den Dienst", sondern in die großen Städte und Industriezentren. Denn ein Dienstmädchen in der Stadt verdiente mehr als eine Magd am Land. Und ein Industriearbeiter verdiente viel mehr als ein Knecht. Und natürlich rechneten sich dort auch viele bessere Aufstiegs- und Heiratschancen aus. Das galt natürlich auch für die ländlichen Dienstboten - vor allem die jüngeren, sie hatten ja kaum etwas zu verlieren.

Die Realität in den Städten war aber oft ernüchternd. Die sanitären Zustände der rasch wachsenden Städte waren katastrophal, Seuchen wie die Cholera und der Typhus wüteten schrecklich, und ganz besonders die Tuberkulose - vor allem unter der armen Bevölkerung. Natürlich gab es diese Seuchen auch außerhalb der Zentren, aber nicht mit dieser Opferrate.
Viele kamen, vom Stadtleben enttäuscht, nach einiger Zeit auch wieder zurück, d.h. das war keine Einbahnstraße, sondern eine Wanderungsbewegung in beide Richtungen.

Die Bevölkerungszahlen der Städte wuchsen explosionsartig an.
Die von Wien beispielsweise von 551.300 (1850) auf 2.083.630 (1910).
Ähnlich in Prag: Von 1850: 118.400 auf 1910: 223.000

Wer wanderte nun wohin aus?
Das war bei den beiden Sprachgruppen in den böhmischen Ländern nicht gleich.
Die Sprachzählungen, die ab 1880 auch ortsweise veröffentlicht wurden, sprechen da eine klare Sprache.
Prag, wo es bei der Zählung von 1856 noch ein deutsche Mehrheit (59,3%) gegeben hatte, wurde binnen weniger Jahrzehnte eine tschechische Stadt (1910: 8,5% deutsch).

Gezählt wurde 1880 - 1910 freilich nicht die Muttersprache, sondern die Umgangssprache, d.h. es gab hier auch mannigfache politische und soziale Einflüsse, am dominierenden Trend änderte das aber nichts. D.h. die Zuwanderung nach Prag war ganz überwiegend eine tschechische.

Auch nach Wien wanderten viele Menschen aus den böhmischen Ländern zu, darunter auch viele Tschechen. Aber letztere kamen nie über ca. 9% Bevölkerungsanteil hinaus. D.h. hier war es umgekehrt, hier wandernden mehrheitlich Deutschböhmen, Deutschmährer und Deutschschlesier zu.

Die Zuwanderer nach Prag blieben im eigenen Kronland, die nach Wien Gegangenen aber nicht.
Das änderte, bei ähnlich hohen Geburtenraten, die sprachliche Zusammensetzung der böhmischen Länder.

Mit anderen Worten, in dieser Zeit, von der manche Kreise behaupten, daß damals 'Germanisierung' stattgefunden hätte, hat in Wirklichkeit der tschechische Bevölkerungsanteil zugenommen, in Böhmen, aber noch viel deutlicher in Mähren und Österreichisch Schlesien. In absoluten Zahlen wuchsen aber beide Sprachgruppen an.

Übrigens hat von 1880 - 1910 sowohl in der österr. Reichshälfte, wie auch in der Gesamtmonarchie der deutsche Sprachanteil abgenommen.

Der Vollständigkeit halber sei noch angemerkt, daß es natürlich nicht nur Abwanderung in die Städte und Industrieregionen Böhmens, Mährens und Österr. Schlesiens und nach Wien gab, sondern auch in die des 1871 entstandenen Deutschen Reiches (Oberschlesien, Ruhrgebiet, Rheinland usw.) und natürlich auch nach Übersee.

b) Nationale Spannungen ab etwa 1860
Parallel zu 1. und oft eng verwoben gab es ein zweites Hauptmotiv der Abwanderung.
Mit der politischen Liberalisierung und der schrittweisen Demokratisierung verschärften sich auch die nationalen Spannungen.
Die Macht der Gemeinden und der Landtage wuchs und wurde oft brutal zur Durchsetzung der 'nationalen Ziele' eingesetzt.
Das war auf beiden Seiten so, die Auswirkungen waren aber sehr unterschiedlich.

Die Landgemeinden waren ohnehin meist sprachlich homogen, da waren die Auswirkungen eher gering.
Ganz anders dagegen in den Märkten und Städten. Mit der 'Macht' der nun gewählten Gemeinderäte versuchten viele Bürgermeister ethnisch zu säubern.
Sie bestimmten ja die Unterrichtssprache in den Gemeindeschulen, sie vergaben Wirtschaftsaufträge an Handwerker, Kaufleute, Transportunternehmer usw., sie bestimmten, wer bei der Gemeinde angestellt wurde, wer die Einrichtungen der Stadt benutzen durfte usw. Sie spielten also ihre gesetzliche und ökonomische Macht aus. Minderheitenschutz war damals kein populärer Begriff, die Fanatiker hatten Saison - auf beiden Seiten.

Die Märkte und Städte in den deutschsprachigen Randgebieten waren um 1860 noch meist zu 90 oder mehr Prozent von Deutschen bewohnt. D.h. hier war das ein Kampf um das Ansteigen des tschechischen Bevölkerungsanteil zu verhindern, also eher defensiv.

Im tschechischen Landesinneren Böhmens und Mährens war die Situation grundsätzlich anders. Dort gab es zahlreiche mehrheitlich deutsche Märkte und Städte bzw. solche mit einer großen deutschen Minderheit. Solange dort, bedingt durch das Kurien- bzw. Zensuswahlrecht, die Deutschen den Stadtrat kontrollierten, änderten sich die Verhältnisse oft nur langsam - d.h. der tschechische Bevölkerungsanteil stieg nur langsam an. Gab es aber einmal eine tschechische Mehrheit im Stadtrat, dann ging der deutsche Anteil rasant und dramatisch zurück. Mit einer einzigen Ausnahme (Göding in Mähren) war das überall gleich. Ein deutscher Ort nach dem anderen wurde tschechisch. Gab es einen Kranz deutscher Dörfer um die Stadt (wie z.B. in Böhm. Budweis) , dann lief diese Entwicklung langsamer ab, als dort wo es keine gab (z.B. Prag). In Böhmen begann diese Entwicklung früher als in Mähren. D.h. das tschechische Sprachgebiet dehnte sich immer weiter aus.

c) Antisemitismus
Auch der Antisemitismus spielte hier eine große Rolle.
Die meisten Juden in den böhmischen Ländern verwendeten die deutsche Umgangssprache, waren Teil der deutschen Kultur.
Sie wurden daher von tschechischen Nationalisten als Deutsche betrachtet und entsprechend angefeindet.

Da viele von ihnen als kleine Gruppen verstreut in vielen unterschiedlichen Orten lebten, waren sie den nationalen Angriffen tschechischer Nationalisten massiv ausgesetzt. Hier wirkten Antisemitismus und tschechischer Nationalismus zusammen.

Bis etwa 1880 gab es unter den Deutschen eher wenig Antisemitismus. Viele davon dachten liberal-national und betrachteten alle die Deutsch sprachen als Deutsche. Der alte christliche Antisemitismus hatte hier nur mehr eine geringe Bedeutung. Ein schönes Beispiel dafür war der 1880 gegründete 'Deutsche Schulverein', in dem christliche und jüdische Deutsche einig zusammenarbeitend, private deutsche Schulen, Kindergärten und Bibliotheken bauten.

Das änderte sich erst mit dem unseligen Georg von Schönerer, der ab 1885 (nachträglicher 'Arierparagraph' im Linzer Programm) die Ausgrenzung der Juden betrieb. Seine Saat ging aber nur langsam auf, zu seinen Lebzeiten galt er auch in der deutschen Bevölkerung als skuriller Spinner, zahllose zeitgenössische Karikaturen zeigen das sehr eindrucksvoll. Seine Zeitungen erreichten keine nennenswerten Auflagen, seine Reichsratsfraktion blieb bedeutungslos.

D.h. der Antisemitismus bewirkte die Verdrängung bzw. Abwanderung der vielen jüdischen Minderheiten in den tschechischen Märkten und Städten - ganz besonders nach den 'Mährischen Ereignissen' von 1897. Damals gab es alleine in Mähren in etwa 200 größeren Orten Pogrome tschechischer Nationalisten gegen jüdische Minderheiten. Peter Glotz beschreibt das in seinem Buch 'Die Vertreibung' sehr anschaulich.

Wohin sind sie gewandert?
Vor allem nach Wien, dessen jüdische Bevölkerung von 1880: 73.222 auf 1910: 175.294 (Religionszählungen) anwuchs. In Prozenten von 10,1% auf 8,6%. Der relative Rückgang ist auf die Eingemeindung der 34 Vororte 1892 bzw. dem von Floridsdorf usw. ab 1905 zurückzuführen. Im alten Stadtgebiet blieb der jüdische Bevölkerungsanteil konstant.

In Böhmen ging die Zahl der jüdischen Bevölkerung sogar in absoluten Zahlen zurück: 1880: 94.449, 1910: 85.827, von 1,7% auf 1,2% (Religionszählungen).

In der Stadt Prag stieg sie absolut gesehen nur geringfügig an: 1880: 16.754 auf 1910: 18.041, in Prozenten ein Rückgang von 10,3% auf 8,1%. Die Eingemeindungen Wyschehrad (tsch. Vyšehrad) 1883, Buben (tsch. Bubny) und Holleschowitz (tsch. Holešovice) 1884 und Lieben (tsch. Libeň) 1901 war hier weit weniger bedeutend als in Wien.

Ähnlich war es in Mähren.

Dagegen stieg die jüdische Bevölkerung in Österr. Schlesien deutlich an. Dort behielten die Deutschen die Mehrheit im Landtag bis 1918.

d) Der Umbruch 1918-1920
Mit der Gründung des tschechoslowakischen Staates setzten zahlreiche staatliche Maßnahmen ein, den tschechischen Bevölkerungsanteil zu erhöhen.
So mußten viele Deutsche, die kein Heimatrecht in den böhmischen Ländern besaßen, diese verlassen.
Aber auch viele einheimische Deutsche, die hier Heimatrecht besaßen gingen außer Landes, z.B. weil sie die österreichische Staatsbürgerschaft behalten wollten.
Die meisten Staatsbeamte mußten die CSR verlassen, die Verbliebenen und die Landes- und Gemeindebeamten mußten tschechische Sprachprüfungen ablegen. Wer sie nicht bestand wurde gekündigt. Die jungen Männer mußten zur tschechoslowakischen Armee einrücken, während es in Österreich keine Wehrpflicht gab.

Die noch existierenden städtischen deutschen Sprachinseln in Mähren, z.B. Brünn, Olmütz und Iglau wurden zwangsweise mit mehrheitlich tschechischen Umlandgemeinden fusioniert, während mehrheitlich deutsche Umlandgemeinden oft nicht einbezogen wurden. Damit gewannen die tschechischen Parteien die Wahlen, was weitreichende Auswirkungen auf die Beamten, die kommunalen Aufträge und das Kulturleben hatte.

Waren bis 1918 Tschechisch und Deutsch gleichberechtigte Amtsprachen, so war nun Tschechisch die Amtssprache. Lediglich dort, wo mindestens 20% der Einwohner bei der jeweils letzten Volkszählung Deutsch angegeben hatten, blieb Deutsch zweite und zweitrangige zusätzliche Amtssprache. Das war in Böhmisch Budweis bei der Volkszählung 1923 nicht mehr der Fall, die Stadt, die 1880 noch eine deutsche Mehrheit hatte, wurde damit einsprachig tschechisch. Bei den Volkszählungen selbst half man mittels kurzfristig verlegter tschechischer Truppen und Jugendgruppen nach, damit der Anteil der Minderheit unter diese 20% fiel.
Das veranlaßte weitere zehntausende Deutsche das Land zu verlassen, vor allem aus den großen Städten. Ein prominentes Beispiel dafür war der Mathematiker, Philosoph und Logiker Kurt Gödel (1906, Brünn - 1978, Princton), der 1923 seine Heimatstadt Brünn verließ und Österreicher wurde.

Da das ein allmählicher Vorgang war und die Auswanderung sowohl nach Österreich, wie ins Deutsche Reich erfolgt ist, ist es schwer die Gesamtzahl zu ermitteln.

Umgekehrt wanderten 1918 ff. zehntausende Tschechen aus dem Raum Wien, aber auch aus Linz in die CSR aus. Und zwar auf Einladung der CSR-Regierung.

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Günter Ofner
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